Editorische Vorbemerkung

Eine Erstranskription geht auf den Kodex Bern. 135 (Ld) zurück. Anschließend erfolgte die Kollation mit B/E, Vr (der Anfang des Textes bis „ἐπειδὴ δοκεῖ“ ist in Vr aufgrund von Beschädigung unlesbar) und F. Bei der Erstellung des Textes wurde die bestbezeugte Zeichensetzung und Orthographie beibehalten; Abkürzungen wurden aufgelöst.
E (um 1464) ist für Gener. Corr. direkte Abschrift von B (um 1460; vgl. Rashed 2001, 265–269) und hat sicherlich auch die Einleitung zu An. daraus übernommen. Die Stellung hinter An. in B zeigt, dass die Einleitung hier nicht primär ist. In Ld fehlt der kosmologische Kontext von Phys. und Cael. ebenso wie in F, wo der Text nachträglich auf eines der freien Vorsatzblätter geschrieben wurde – wobei unklar ist, ob diese Blätter zum primären Bestand der Handschrift gehören und ob ein materieller Zusammenhang etwa mit f. IV (Argyropoulos-Monokondylon) besteht.

Introductio ad tractatum De anima

Ἐν μὲν τῆ φυσικῆ ἀκροάσει, διέλαβε περὶ τῶν φυσικῶν ἀρχῶν ὅσα ἔδει· ἐν δὲ τῆ περὶ οὐρανοῦ πραγματεία, περὶ τοῦ σύμπαντος τοῦδε κόσμου· εἴτε εἷς ἐστιν, εἴτε πολλοὶ· καὶ εἴτε ἄναρχος, εἴτε ὑπ' ἀρχῆν χρονικῆν· καὶ εἴτε ἄπειρος, εἴτε πεπερασμένος· εἴτε φθαρτὸς· εἴτε ἄφθαρτος, καὶ περὶ τῆς φύσεως καὶ κινήσεως αὐτοῦ τοῦ οὐρανίου σώματος· εἴτε ἁπλοῦν ἐστιν, εἴτε σύνθετον· καὶ εἴτε ἓν τῶν τεσσάρων στοιχείων· εἴτ' ἄλλό τι παρὰ ταῦτα πέμπτον·
ἐν δὲ τῶ παρόντι συντάγματι τῶ περὶ ψυχῆς τρίτω ὄντι τὴν τάξιν· ἐπειδὴ δοκεῖ σύμπας ὁ κόσμος ὅδε ἔμψυχος εἰναι καὶ ψυχῆ κυβερνᾶσθαι καὶ ἄγεσθαι, διαλαμβάνει περὶ ἀυτῆς τῆς οὐσίας τῆς ψυχῆς, ἐν τρισὶ συντάγμασιν· ἐν μὲν οὖν τῶ πρώτω ἐκτίθεται τὰς τῶν παλαιοτέρων δόξας περὶ αὐτῆς· ὧν τὰς μὲν ἐξελέγχει ὡς ἀκύρους, τὰς δὲ ἀποδέχεται, ἔστι δὲ, ἃ καὶ αὐτὸς προστίθησι παρ' αὐτοῦ· ἔπειτα διαλαμβάνει καὶ περὶ τῆς φυτικῆς ψυχῆς· ἐν δὲ τῶ δευτέρω συντάγματι, περὶ τῆς ἀλόγου καὶ αἰσθητικῆς ψυχῆς, ἐν μέρει δὲ καὶ περὶ τῆς λογικῆς μνεῖαν ποιεῖται ὀλίγην· ἐν δὲ τῶ τρίτω, προηγουμένως μὲν, περὶ τῆς λογικῆς ψυχῆς, κατὰ πάροδον δὲ, καὶ περὶ τῆς ἀλόγου· ἐπὶ τέλει δὲ, καὶ εἰς θεολογικωτέραν ἀρχὴν ἀνάγει τὸν λόγον:–

Übersetzung

In der Physikvorlesung hat er in gebotenem Umfang die ersten Prinzipien erörtert; in der Abhandlung Über den Himmel [handelte er über] diesen unseren gesamten Kosmos: ob es einen [einzigen] gibt oder viele; ob er ohne Anfang ist oder einem zeitlichen Anfang unterliegt, ob er unendlich ist oder begrenzt, vergänglich oder unvergänglich, sowie ob er einfach ist oder zusammengesetzt und ob er eines der vier Elemente ist oder ein weiteres fünftes [Element].
Im vorliegenden Werk Über die Seele, welches in der Anordnung das dritte ist, weil unser gesamter Kosmos beseelt zu sein und durch die Seele gesteuert und angetrieben zu werden scheint, erörtert er das Wesen der Seele in drei Büchern: Im ersten legt er die Meinungen der älteren [Philosophen] über sie dar, von denen er einige als unzutreffend widerlegt und andere aufgreift, wobei er auch Einiges von sich aus einbringt; im Anschluss erörtert er auch die pflanzliche Seele. Im zweiten Buch [handelt er] über die irrationalen, d. h. die wahrnehmende Seele, jedoch zum Teil erwähnt er [darin] auch kurz die rationale [Seele]. Im dritten [Buch handelt er] vornehmlich über die rationale Seele, nebenbei aber auch über die irrationale; am Schluss leitet er die Diskussion noch zu einem mehr theologischen Prinzip hin.

Anmerkungen

Die Einleitung bezeugt eine Lektüre der naturphilosophischen Hauptwerke des Aristoteles in der Sequenz Phys. - Cael. - An., die im Text durch den Hinweis auf die Beseeltheit des Kosmos legitimiert wird. Die Rede von der „Steuerung“ und vom „Antrieb“ des Kosmos durch die Seele deutet vielleicht auf neuplatonische Einflüsse; dies gilt auch für den Hinweis auf ein „mehr theologisches Prinzip“ am Ende der Schrift An. (womit wohl die knappen Ausführungen zum νοῦς ποιητικός in An. III 5 gemeint sind).
Die zumal mit der Struktur und dem Wandel der Materie befassten Traktate Gener. Corr. und Mete., die kanonisch zwischen Phys. und Cael. situiert sind, werden in der Einleitung nicht erwähnt; dagegen wird An. ausdrücklich als das dritte Werk in der Abfolge bezeichnet. Es handelt sich also um eine bewusste Reduktion des überlieferten Corpus; denkbar ist auch eine separate Publikation von An., für die ein bibliographisch-systematischer Kontext hergestellt werden soll.

Bibliographie

  1. G. Konstantinides, Ein neuentdeckter Codex des Aristoteles, Jahrbücher für Classische Philologie 135, 1887, S. 214–219.